Österreichische Feldpost in Liechtenstein
Österreichische Feldpost während des ersten Weltkrieges ist in der "k.u.k Feldspostvorschrift" aus dem Jahr 1913, Normalverordnungsblatt für das k.u.k. Heer, 18. Stück /E 17, geregelt. Postalisch gehörte das Fürstentum Liechtenstein bis 1921 zum österreichischen Postgebiet. Während des 1. Weltkrieges war Liechtenstein neutral. Infolge der Gültigkeit der österreichischen Postbestimmungen konnte Feldpost zwischen Liechtenstein und Österreich bzw. umgekehrt gebührenfrei befördert werden
Weitgehend unbekannt ist, daß während der Rheinnot 1927 neben den Schweizer Militäreinheiten auch österreichische Truppen zum Einsatz kamen. Feldpost der Schweizer Truppen ist bekannt und relativ rar. Neu ist, dass diese zum Hochwassereinsatz eingesetzten österreichischen Soldaten in analoger Anwendung der k.u.k. Feldpostvorschrift ebenfalls gebührenfrei Grüsse als Feldpost Richtung Heimat schrieben
Am 26. September 1927 kam es in Vorarlberg, der Westschweiz, Liechtenstein und in Nord- und Südtirol zu Hochwasserkatastrophen. In Südtirol stürzte am 26. September ein Hilfszug in den Eisack. 27 Tote waren dort zu beklagen Zell am Ziller stand unter Wasser, im Gschnitztal wurden sämtliche Brücken weggerissen. Wie aus den Zeitungen dieser Zeit zu entnehmen ist, gab es auch Unwetter in Bayern und in Slowenien. In Bregenz wurde die neue Brücke über die Bregenzer Ache nach Hard wegen Einsturzgefahr für den Verkehr gesperrt. Am Sonntag den 25.9.1927 um 19.00 Uhr brach der Rheindamm zwischen Buchs und Schaan. Der Doppeldamm wurde auf einer Breite von 150 Metern glatt durchbrochen. Die Eisenbahnbrücke auf der liechtensteinischen Seite stürzte ein und wurde von den Rheinfluten mitgerissen. Die gesamte Ebene zwischen dem Rhein und Schaan-Nofels (Vorarlberg) glich einem grossen See; das eigentliche Rheinbett bis zur Illmündung war fast leer.
Die Fürstlich-Liechtensteinische Regierung hat am Montag den 26. 9. vormittags von der Vorarlberger Landesregierung dringend Hilfe für die durch Überschwemmung bedrohten Bewohner von Ruggel erbeten. Unverzüglich, um 09.30,. erfolgte telefonisch durch die Vorarlberger Landesregierung die Anforderung zur Assistenzleistung an das Kommando des Alpenjägerbataillons Nr. 4 in Bregenz. Die Lage in den durch den "Rheindammbruch bei Buchs-Schaan überschwemmten Gebiete wurde als katastrophal und für die angrenzenden Gebiete in Vorarlberg bei Feldkirch besonders an der Illmündung als äusserst bedrohlich und von Stunde zu Stunde sich verschlimmernd angesehen und bezeichnet"
(wörtlich aus dem Bericht des Ortskommandos Bregenz vom 27. September 1927 an das Kommando der 6. Jägerbrigade in Innsbruck
Die Anforderung zur Assistenz erfolgte, um den von der Katastrophe bedrohten Einwohnern Liechtensteins zu helfen und schließlich auch, um ein Übergreifen der Katastrophe auf Vorarlberg durch einen raschen Pioniereinsatz hintanzuhalten.
Das Ortskommando in Bregenz formierte unverzüglich eine "Kombinierte Assistenzabteilung", aus dem Alpenjägerbataillon Nr. 4 und der Minen Werferbatterie Nr. 4/6. Es wurde auf die gesamte Mannschaft, ausschliesslich der Kommandierten, des Fernmeldezuges, der von der Unterstützung des Arlbergrennen noch nicht eingerückt war, und der Musik zurückgegriffen. Das Jägerbataillon Nr. 4 verfügte über einen Pionierzug. Alle verfügbaren langstieligen Werkzeuge aus dem Assistenzvorrat sowie Sägen und anderes verfügbares Arbeitsgerät wurden verladen.
Die erste Staffel rollte schon um 11 Uhr aus der Alpenjägerkaserne Bregenz ab, die letzte verliess um ca. 11.30 Uhr des 26. 9. Bregenz mit dem Ziel Schaan. In Schaan wurde ein Krisenstab unter der Leitung des liechtensteinischen Regierungschefs Schertier einberufen. In diesem waren auch neben dem Bezirkshauptmann von Feld- kirch der Kommandant des Jägerbataillons Oberst Koppe Hans und Mjr Dipllng Pritsche Fritz, der Kommandant des eidgenössischen Sappeurbataillons, vertreten. Am späten Abend trafen auch 210 Mann des eidgenössischen Sappeurbataillons Nr. 6 von Chur ein, die wegen Beendigung des Dienstes nur bis 1. Okt. zur Verfügung stehen sollten.
Der Pionierzug wurde durch vier Boote der Schiffahrtsinspektion in Bregenz verstärkt. Spontan erklärten sich die Bootsbesitzer in Hard bereit, sechs Rettungsboote auszurüsten und abzusenden. Noch am 27. traf diese Verstärkung in Liechtenstein ein und wurde zur Bergung von Bewohnern der überschwemmten Ortschaften eingesetzt.
Aufgabe des Pionierzuges war es, in Bangs und in Ruggel mit den Freiwilligen aus Hard und den Matrosen der österreichischen Bodenseedampfschiffahrt die Ortsbewohner, die auf den Dächern sassen, zu versorgen und zu bergen. Das Kommando in Bregenz berichtete am 29. September:
fung der Überschwemmten, soweit dies in den Zillen und Booten möglich war, in aufopfernder Weise und mit steter Lebensgefahr. Von den drei mitgebrachten Zillen zerschellten zwei. Hptm Fröhlich, der Kommandant des Pionierzuges, kenterte selbst mit einigen Pionieren, deren Rettung war nur dadurch möglich, dass diese angeseilt waren. Trotzdem, dass die Pioniere und zivilen Schiffer stets auf Notzeichen und Hilferufe Bedrängter fuhren, Hessen sich diese vielfach nicht überführen, weil ihnen die Boote und Zillen zu unsicher erschienen. Viele Leute weigerten sich überhaupt, die überschwemmten Häuser zu verlassen oder verlangten Lebensmittel."
Die vollständige Räumung des Ortes Ruggel war erst am 28. September möglich, als 50 Schweizer Pontoniere mit drei zweiteiligen Pontonen eintrafen. Eine Zille des Pionierzuges zerschellte am 29. September. Zwei Pioniere wurden von der Strömung abgetrieben und konnten sich an das Schweizer Ufer retten.
Das Gros der Abteilung wurde ab 27. Sept.dann dazu verwendet, um einen Notdamm beim Dammbruch bei der Buchser Eisenbahnbrücke zu errichten. Mit Unterstützung von zivilen Arbeitsmannschaften und der Schweizer Sappeureinheit war dieser Notdamm am 28. abends bereits auf 60 m vorgetrieben. Über Anforderung der Landesregierung wurde dieAssistenzabteilung am 29. durch den TelZug und weitere Solda ten, insgesamt um l Offizier und 32 Mann verstärkt. Am 30.9. kenterte abermals eine Zille mit Pionieren beim Beladen des Bootes. Die Pioniere wurden bis am Abend vermisst. Schließlich wurden sie auf einem Scheunendach gefunden, wohin sie sich retten konnten.
Das Schweizer Pionierdetachement wurde am l. Oktober abberufen, da bereits die Masse der Bergungsarbeiten abgeschlossen waren. Die Aktivdienstleistung der Schweizer Sappeure wurde von der Bundesregierung um eine Woche verlängert, um in Schaan mit den österreichischen Einheiten die Arbeiten am Notdamm durchzuführen. Die für die österreichischen Assistenzsoldaten im "Auslandseinsatz" anfallenden Probleme wurden unbürokratisch an Ort und Stelle in nachbarlicher Freundschaft gelöst: Die Liechtensteinische Regierung lieferte die Verpflegung, die in der Feldküche von der Truppe zubereitet wurde. Untergebracht war der Pionier- und Telegraphenzug sowie die 1. und 2. Kompanie in der Schule von Schaan.
Falls Zeit zum Schreiben an die nächsten Angehörigen war ~ Telefon gab es damals noch kaum und dieses war auch unterbrochen -- wurde die Post einfach als " Feldpost portofrei", versehen mit dem Dienstsiegel des Alpenjägerbataillons Nr. 4 abgesandt. Meist dürfte die Portofreiheit auch akzeptiert worden sein. Nach Wissen des Verfassers sind nur 2 Karten der österreichischen Truppen, die abgebildet werden, aus diesem Einsatz bekannt. Die Assistenzleistung dauerte bis Sonntag, den 9. Oktober. Am gleichen Tag wurden auch die restlichen Schweizer Truppen abgezogen. Am Kirchplatz in Schaan wurden die österreichischen Truppen feierlich verabschiedet.
Im Abschlussbericht wurden folgende durchgeführte Arbeiten gemeldet:
• Anlage eines provisorischen Rollbahngeleises zum Schottertransport für den Notdamm.
• Bau einer schmalspurigen mit Benzinlokomotive zu betreibenden Materialeisenbahn vom Südende von Schaan gegen den Arbeitsplatz.
• Aufstellen und Montieren von 52 Masten für eine ca. 2.5 km lange Starkstromleitung ab Südende von Schaan.
• Materialbewegung von ca. 1.500 m3 Schotter für den Notdamm an der Einbruchsstelle bei der Buchser Brücke.
• Holzfäll- und Faschinenarbeiten.
• Verlegung einer Fernmeldeleitung durch den Telegraphenzug von Schaan zu allen Arbeitsplätzen.
• Bau einer permanenten Telefonleitung von Schaan entlang des Bahndammes bis zum Bruch und von hier über das Wasser über die zerstörte Eisenbahnbrükke mit Anschluß an die Schweizer Staatsleitung.
Quellen
• Österreichisches Staatsarchiv • K.u.k.Feldpostvorschrift • Bernardini 100 Jahre Österreichische Portomarken Pfalz / • Karte mit Nachgebühr: Mag Schöpfer Klaus
Feldpostkarte vom Alpinen Detachement Nr. l von k.u.k. Feldpostamt 207 nach Triesenberg. Als Feldpost gebührenfrei, da Liechtenstein zum österreichischen Postgebiet gehörte. Gebührenfreie Nachsendung nach Feldkirch.
Abb. 2 Karte vom 2. Tag des Assistenzeinsatzes (27.6. Schreibdatum). Als Feldpost nach Vorarlberg. Die Gebührenfreiheit wurde (noch) nicht anerkannt. Gemäss des Nachgebüh- renweisers B vom 1. Oktober 1925 (Beilage zum PuTVBl 63/1925) betrug die Nachgebühr für unfrankierte Postkarten im Grenzverkehr aus der Schweiz und Liechtenstein 32 g.
Text: "Sind gestern hier angekommen, um erste Nothilfe zu leisten. Es hat nämlich den Eisenbahn- und Rheindamm zirka 150 m Länge weggerissen. Durch das Rheinbett fliesst nur ein geringer Teil Wasser, alles andere rinnt durch die Felder von ein paar Gemeinden. 2 Personen von Schaan sind ertrunken, andere wurden von den Bäumen geholt".
Abb. 3 Gebührenfreie Feldpost geschrieben am 3. Tag des Einsatzes (Liebesgrüsse an den liebsten Schatz). Wie in der k.u.k. Monarchie Abdruck des Dienstsiegels " Selbständiges Alpenjägerbataillon Nr. 4 "auf der Anschriftenseite.