Lob der Ignoranz
Briefmarken sammeln. Worte genug, um einen ganz Sack von Vorurteilen auszuschütten, unter denen das Mitgefühl für eine aussterbende Spezies noch zu den netten zählt. Vor über 150 Jahren als durchschlagende Globalinovation eingeführt, hat sich diese geniale Quittierung bezahlter Postgebühren wegen ihrer Multifunktionalität bis heute behauptet. Aus den bescheidenen Ziffernmarken der Anfangsjahre entwikkelte sich ein Medium, das zur Präsentation nationaler Grosse, ideologischer Botschaften und künstlerischer Ausdruckskraft dienen durfte. Und für viele Sammlergenerationen, die noch nicht für 199 Euro durch die Welt vagabundierten, erschloss sich der Kosmos im stillen Kämmerlein mit Album und Pinzette. Kein Wunder, dass angesichts von Millionen begeisterter Liebhaber, die geschäftliche Seite schliesslich bis zum Anschlag ausgelotet und der Markt zugemüllt wurde. Dagegen konnte auch die ziellose Akribie überspezialisierter Katalogisierung kein Gegengewicht setzen. Doch in jedem Niedergang stecken Chancen, denn der philatelistische Fisch stinkt hinten und nicht vom Kopf her, denn aus der Sicht der jeweiligen Organe steckt hier das ungenutzte Potential der Philatelie im Einsatz des Gehirns. Auf dem Weg dahin sind die Hindernisse so zahlreich wie stimulierend, doch der Phönix braucht ausreichend Asche, um gedeihen zu können. An Brandstiftern ist indessen kein Mangel, so dass die Hoffnung auf einen besonders schönen Vogel berechtigt erscheint. Wenn die Postmuseen, unter die Fittiche von Ingenieuren der Elektrotechnik aus dem Hause Telecom gestellt, ihre Briefe und Briefmarken nur mehr als Baiast betrachten, setzen sie mit der geplanten Schliessung der Museen in Hamburg und Nürnberg ihre Präferenz deutlich auf die radelnden Litfasssäulen anstatt auf die eigene Geschichte. Da werden auch die stattlichen Besucherzahlen von jährlich 120.000 dem Entschluss kein nennenswertes Hindernis bieten, denn der Zuschuss von knapp 14 € pro Besucher und Jahr (in Frankfurt 35 €, in Hamburg 36 €) schlägt zu Buche, gleichwohl grotesker weise, ausgerechnet das Museum in Nürnberg mit der höchsten Wirtschaftlichkeit geschlossen werden würde. Überraschend übrigens das hilfreiche Engagement der bayerischen Staatsregierung in dieser Sache, mit dessen Hilfe gerade noch rechtzeitig der Verlust der Briefmarkenbestände in Nürnberg verhindert werden konnte. Immerhin geht es dabei um einige Millionen Euro an Staatseigentum. Es stimmt allerdings nachdenklich, dass sich kaum ein forschender Postgeschichtler in die mit den Wunderwerken der modernen Kommunikationstechnik gespikkten Ausstellungsräume verirrt. Seitdem auch die letzten, zwar autodidaktisch gebildeten aber hochqualifizierten Mitarbeiter am ausgestreckten Arm des einfachen Postdienstes verhungert sind, hat unter der Leitung von archäologisch und kunstgeschichtlich vorgebildeten Direktoren der Geist des oberflächlichen Events Einzug gehalten. Zwischen den Fragestellungen der Forschung und den Sammlungsschwerpunkten klafft ein unüberbrückbares Missverständnis. Ein Besuch lohnt also schon deshalb nicht, weil die Sammlungsbestände an den Forschungsinteressen vorbeigehen und niemand mit Sachverstand aufzutreiben ist. Postgeschichte konzentriert sich heute vornehmlich auf die Poststrukturen des 18./19. Jhs., die so völlig anders gelagert waren, wie wir es uns heute nicht mehr vorstellen können. Und weil reibungslose Kommunikation zu diesen Zeiten für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Militär etc. einen gewiss ebenso hohen Stellenwert hatte wie heute, bleibt davon kaum eine historische Disziplin unberührt. Wirtschaft- und Gesellschaftsgeschichte kann ohne genaue Kenntnis dieser Strukturen schwerlich als seriös bezeichnet werden; dann könnte man ebenso gut das Internet und Email aus dem historischen Zusammenhang des 21. Jahrhunderts streichen. Immerhin gelingt einem angesehenen Standartwerk zur deutschen Gesellschaftsgeschichte dieser Spagat, in dem das Wort Post überhaupt nicht vorkommt. Und eine voller Erwartung kürzlich eingesehene Dissertation zur Epoche der bayerischen Verwaltung in Salzburg aus dem Jahr 1984 kommt immerhin mit dem Satz aus, dass die Haupteinnahmequellen Bayerns zu dieser Zeit (1810- 1816) aus der Post und dem Salzhandel herrührten. Letzterer wird ausführlich dargestellt, aber die umfangreichen Postakten müssen wohl mit einem ansteckenden Virus infiziert gewesen sein, weil der Autor sie so konsequent gemieden hat. Schon ein oberflächlicher Blick auf einen Brief aus der ersten Hälfte des 19. Jhs. verdeutlicht das Problem. Weit entfernt von den uns geläufigen simplen Gepflogenheiten des Weltpostvereins (gegründet 1875) dokumentiert er das Interesse einer Unzahl unabhängig agierender Postverwaltungen an der Bezahlung ihrer Beförderungsstrecke. Und kaum jemandem wird der Fortschritt bewusst, der mit einer einmaligen Zahlung an das absendende Postgebiet durch eine Briefmarke verbunden ist. Mit hunderten von Postverträgen, geprägt von gegenseitiger Übervorteilung und rigorosem Eigennutz, entstand damals ein undurchdringliches Geflecht von Gebühren- Gewichts- und Währungsvorschriften, die selbst ausgefuchste zeitgenössische Fachleute nicht verstanden. Unter solchen Umständen konnte die Gebührenberechnung eines Briefes von München nach Berlin für den Absender bereits zu einer abendfüllenden Herausforderung werden. Deshalb verwundert es nicht, wenn die Handelshäuser einen wesentlichen Teil ihrer Ressourcen darauf verwandten, möglichst kostengünstige, schnelle und vor unbefugtem Zugriff gesicherte Wege für ihre Briefe auszukundschaften. Innerhalb Europas besteht die hauptsächliche Sorge des heutigen Absenders in der Suche nach einem Postamt oder einem Briefkasten. Er schreibt die Adresse auf einen Standardbrief, klebt die gewohnte Einheitsgebühr darauf und das wars, und keiner kommt auf die Idee, dass es jemals völlig anders gewesen sein könnte.
Das Ziel postgeschichtlicher Forschung ist es nun, die tatsächlichen Postverhältnisse so genau wie möglich zu beschreiben. Dabei stehen ihr eine Unmenge archivarischer Quellen zur Verfügung, die bisher kein Historiker zur Hand genommen hat, weil man dort wohl nach wie vor von der telepathischen Fähigkeit unserer Vorfahren überzeugt ist. Zusammen mit den vielfach überlieferten Briefen, die sozusagen die Praxis widerspiegeln, entsteht langsam in Ansätzen ein Eindruck von der enormen Komplexität widersprüchlicher Postsysteme, der die Beförderung von Briefen in Europa ausgesetzt war. Die Ignoranz der Historiker gegenüber jeder Art von Quelle, die nicht ihrem philologischen Quellenverständnis entspricht, hat allerdings zu einem bedauerlichen Schwund wichtiger Briefbestände geführt. So wurden in der Vergangenheit aus Platzgründen in vielen Archiven alle Anschriftteile die frei von Brieftext geblieben waren"entsorgt", und dabei ist man nicht zimperlich vorgegangen. Die Archäologie, die es mit Objekten ähnlichen Quellencharakters zu tun hat, muss trotz einer viel längeren Wissenschaftstradition ähnliche Erfahrungen machen. Jeder neu gefundene Postvertrag, jede aus der Versenkung geholte Korrespondenz wird begierig von der kleinen Gruppe von Forschern aufgenommen, veröffentlicht und dem florierenden Sammlermarkt zugänglich gemacht, unbehelligt von Denkmalschutz und staatlicher Reglementierung. Eine aus der Not, jenseits der staatlichen Subventionierung, gefundene Symbiose von Markt und Forschung, die allen Beteiligten zugute kommt und langsam zwar aber stetig Früchte trägt. Das Entscheidende ist allerdings, dass der Sammler mit den historischen Briefen die geschichtliche Entwicklung sozusagen mit Händen greifen kann. Auf kleinem Raum und unter geringem finanziellen Aufwand lässt sich eine Forschungssammlung aufbauen, die befriedigt, fasziniert und erfolgreich dokumentiert. Eine Erfahrung, die kaum mit einer anderen historischen Disziplin so hautnah gemacht werden kann. Solche Tätigkeit hat es nicht nötig, im Rampenlicht zu stehen, lächelt über die Ignoranz der Historiker, und geniesst still.